Der schwere Geruch von Black Beauty

Was war denn heute Nacht wieder los? Wir waren auf einem meiner Lieblingsübungsfelder, das
Familiengelände, auf dem es neben Unebenheiten und Verrenkungen immer auch etwas zum
Verzweifeln gibt, und eigentlich wollte ich den Text beginnen mit ...

"Vater, wo hast du eigentlich deine Frau kennengelernt," Worauf Vater sagte:
"Welche?"

Ich stutzte. Aber klar, ich träumte schon seit längerem von Betrug. Und als Beweis eines neuen
Betruges hatte Vater plötzlich eine Geliebte, eine Frau diesmal, die ihr Recht auf Vater gleich auch mit
meiner Mutter erstreiten wollte, indem sie sofort, nach Bekanntgabe der Liebesgeschichte mit meinem
Vater, darauf pochte, daß sie mit ins Haus gehörte, also Teil unserer Familie wurde... - mein Gott, kann
man das nicht einfacher erklären? - ja, die Frau, die nun die Geliebte meines Vater war, hätte, vom
Alter her, meine Geliebte sein können, auch von Schönheit und Ausprägung ihrer Wangen, Lippen,
ihrer Brüste - obwohl... als ich ihre Brüste erkannte, hatte ich gleich auch Angst, sie könnten mir zu
mickrig ausfallen unter meinen Händen, die immer etwas suchen, was den Begriff Hände auch
rechtfertigt... also mein Vater latschte da neuerdings mit seinen Händen, die ja im Vergleich zu
meinen, inzwischen Pranken geworden waren, auf einer sehr überschaubaren, fast zipfeligen
Hügellandschaft umher, und deswegen glitten meine Blicke auch wieder weg von ihren Brüsten zu ihren
Lippen, Vollmondlippen, satt und weich, und diese Lippen gehörten eigentlich weder Vater noch mir, sie
gehörten einfach auf eine Digikamera und für alle Ewigkeit auf Festplatte gebrannt, zum Nachschauen,
was es in Vaters Umkreis alles für Frauen gibt ... obwohl ich mich recht erinnern kann, daß es außer
Mutter keine Frau gab in seinem Leben, also muß ich da in sein Leben eingegriffen haben in diesem
Traum, da niemand anderes als ein schwarzhaariges Pferd erschien... das uns gleich ermutigte, einmal
Pferdehintern, Fitzelbrüste, und dicke Lippen zu genießen... denn ... die ganze Zeit stand ich unter
Strom, ich wußte, ich muß nach Hause ... ich wußte, ich muß über die Autobahn, und ich wußte, meine
Eltern, mein Vater mit seiner neuen schwarzhaarigen Bekanntschaft würden mich nicht mehr
begleiten... ich wußte, daß ich alles, was ich an Fehlgeleitetsein oder Verfehlthaben darstellte, mit mir
herumtragen würde, und insgeheim ahnte oder wollte ich es ahnen, daß Vaters Geliebte meine war.

Dieser Hintern. Kaum vorstellbar, daß ... Und das alles im Beisein meiner Mutter. Was die schon alles
ausgehalten hat in ihrem Leben, und nun dieses Pferd. Dunkelhaarig, und ich meine, in einem Anflug
von Begehrlichkeit - oder Nähe - ihren Gesichtsflaum erkannt zu haben, ihren Geruch ... aufsteigend ...
immer aufsteigend ... und wäre es nach mir ... ich würde fallen ... in ihren Geruch ... eine Brise ... leicht
... wie Puder ... und wieder rannte meine Schwester durchs Bild ... sie organisierte Fahrzeiten, Abfahr-,
Ankunfts-, Überholzeiten ... sie tat ja immer so, als sei sie das Opfer ihrer Planung ... was immer eine
Fehlplanung war ... auch, aber wenn ich es richtig sehe, hat sie nichts anderes unternommen, als ihre
Zeit, und vor allem ihre Zeitplanung, allem aufzusetzen, oder allen beizubringen, daß es nur eine Zeit
gab, nämlich ihre ... - jetzt bin ich wieder zu abstrakt ... ihre Zeit ... nie meine ... und Jahre später
beschwert sie sich darüber, daß ich ihre Beweggründe, ihre Zeitachsen nie verstanden habe,
beziehungsweise ... ich konnte mich auf diesen Unsinn wie Abfahr-, Ankunftszeiten nie einlassen ...
das war nicht mein Geschäft ... mein Geschäft war eher, daß ich nirgends war. Ich war immer nicht
vorhanden ... Selbst im Traum nicht. Immer spielten sie ihre Pferdehinternliebe hinter meinem
Rücken, und ich ahnte immer, daß sie es besser taten, leidenschaftlicher ... intensiver ... ausgerechnet
Vater! Denn seine Leidenschaft ... dieses Pferderückenbesteigen, hatte ja jenen Schattenriß
hervorgebracht, der ich nun war ... nein, so wild war Vater nicht. Ich war jünger. Sprichwörtlich und
tatsächlich. Aber dann verhindert. Selbst im Traum. Da vögelt doch im Traum mein Vater meine
Geliebte. Diesen grazilen Pferderücken mit immerhin tröstlicherweise Erbsen vor dem Hof.